Für mich immer wieder eindrucksvoll, schon beim Hochfahren des Tales, die Strecke der Lawinengalerie und die Tunnelstrecke, bei der es sich auf jeden Fall lohnt, kurz vor dem Tunnel eine kleinen Stop einzulegen und je nach Können, Lust und Laune eine fiktive oder auch reale Ideallinie festzulegen. Flussaufwärts gesehen folgt dann die Wasserfallstrecke durch eine enge bewaldete Schlucht von der Mautstation bis Maria Hilf mit einem grandiosen Abschlussfinale.
Da ich aber heute am Ruhetag unserer Gruppe keinen Mitfahrer gefunden habe, werde ich mich auf meine Lieblingsstrecke beschränken, dem oberen Defereggenbach von der Patscher Hütte bis zur Mautstation.
Beim Einsteigen in meinen Eskimo Salto zieht mich das klare und kalte Wasser mit einer ungeahnten Kraft flussabwärts. Mein Vorhaben, da Solo unterwegs, enge Kehrwasserlinien und nur auf Sicht zu fahren, wenn möglich und vertretbar, werden durch den unwiederbringlichen Flow schnell über Bord geworfen und schon beginnt die rasante Fahrt.

Nachdem man eben noch überschaubar über Alm und Wiesenplatten gefahren ist, verengt sich das Tal und die erste kleine Schlucht beginnt. Das Gefälle nimmt rasant zu, die Durchfahrten werden unüberschaubarer, höchste Konzentration ist geboten. Intuitiv treffe ich immer die wichtigen Kehrwasser, die vor Bäumen und Verholzungen, der 6. Sinn fährt immer mit. Trotzdem merke ich schnell, das die Grenze meiner mentalen Belastungfähigkeit bei solchen Solofahrten fast erreicht ist.
Das Tal öffnet sich wieder, der Fluss gewinnt durch den ein oder anderen prall gefüllten Nebenbach an Wucht, der Naturslalom nimmt noch einmal an Gefälle zu. Nun heißt es vor der für mich unfahrbaren Stelle das letzte Kehrwasser anzufahren und 50 Meter zu umtragen. Beim Einsetzten bin ich froh, die nächsten 150 Meter mal nicht nur auf Sicht zu fahren sondern mir den Luxus des scoutens zu leisten. Das Gefälle ist so hoch, das es mir kaum gelingt, vor Ende des Kataraktes in irgendetwas Kehrwasserähnliches einzufädeln.
Jetzt überraschend wuchtig geht es immer weiter, die Sicht reicht aufgrund des Gefälles immer nur einige Meter voraus, Intuiton und Erfahrung zeigen einem in Bruchteilen einer Sekunde den richtigen Weg. Ein wunderschöner Prallhang wechselt sich mit Stufen und Kiesrutschen ab, vereinzelte Bäume zwingen zum Powerstroke, bis das Hupen meines Shuttels mich aus meinem Flow reißt und mir das Ende meiner rasanten Fahrt ankündigt. Die Mautstation ist erreicht. Erinnerungen werden wach, an meine erste Fahrt mit 16 Jahren im Taifun auf dieser Strecke. Damals bin ich hier nicht ausgestiegen, sondern mit Uli bis Maria Hilf weitergefahren. Ja, ja die Unschuld der Jugend....
P.S.: Im Defereggental finden zur Zeit umfangreiche Strassenbau- und Renaturierungsmaßnahmen statt.
Route:
Patscher Hütte - Mautstation
WW III - V (X) ca. 4 km
Pegel Hopfgarten: 68 cm
Solofahrten entsprechen grundsätzlich nicht den allgemeinen Sicherheitsempfehlungen im Kanusport und sind somit nicht zur Nachahmung empfohlen.
Text und Bilder
Lars Everding
Kanuinstruktor
Übungsleiter C
E-Mail: pelading@freenet.de
