13.11.2009 | Kanu-Freizeit

Wildwasserwoche auf der südfranzösischen Durance

Ein Blitzschlag, kurz darauf folgt der Donner und ganz nebenbei schüttet es wie aus Eimern. Die Binsenweisheit dass man beim Wildwasser paddeln ohnehin nass wird tröstet mich nur wenig. Es ist der 1.8.2009 und ich befinde mich auf der Wildwasserwoche des Badischen Kanu-Verbandes (BKV) im südfranzösischen Durancetal.

Soeben wurden die rund 120 Teilnehmer in Gruppen eingeteilt. Da es für mich seit fünf Jahren das erste Mal Wildwasserpaddeln ist, hatte ich mich für die Kategorie Wildwasser 3 mit Lernziel 4 angemeldet. Die Gruppen sammeln sich zum Schutz vor den erbsengroßen Regentropfen in den wenigen Unterstellmöglichkeiten des Campingplatzes. Meine Gruppe trifft sich unter dem Vordach des Waschhäuschens. Entspannt meint mein Übungsleiter Stefan: "Wir fahren erstmal los und dann sehen wir schon..." und er hat recht. Als wir an der Wildwasserstrecke der Durance aus den Autos steigen ist das Gewitter vorbei.

Nach dem Aufwärmen und dem Wurfsack werfen an Land auf ein unbewegtes Ziel geht es auf den Bach. Zunächst sollen wir unsere Fähigkeiten im Kehrwasserfahren, Traversieren und Eskimotieren unter Beweis stellen, dann schreiten wir zu den Sicherungstechniken. Freiwillige vor, heißt es als es darum geht einen schwimmenden Kanuten zu simulieren. Das Wasser ist kalt und die Freiwilligen sind rar, und aber unser Trainer sieht zu, dass jeder mindestens einmal den Wurfsack geworfen und gefangen hat. Als nächstes gilt es im Boot herren- und damenlose Kajaks mit dem Cowtail einzufangen und in das nächste Kehrwasser zu schleppen. Die letzte Sicherungsübung, die wir trainieren ist die sogenannte Sprungsicherung. Ein Paddler, der an einem Seil festgebundene ist, springt von einem exponierten Felsen ins Wasser und zieht einen vorbeitreibenden Schwimmer ins sichere Kehrwasser. Doch nicht nur in unserer Gruppe wird Sicherheit großgeschrieben, zu unserer Genugtuung bleibt den anderen Teilnehmern das eiskalte Bad ebenfalls nicht erspart.


Montag, unser zweiter Tag, die Sonne scheint als hätte sie für den verregneten Vortag gut zu machen. Im landschaftlich reizvollen Durancetal gibt es Wildwasser für jeden Geschmack und jede Leistungsstufe. Meine Gruppe fährt am zweiten Tag eine Etappe auf der Ubaye, einem kleinen, verblockten, teilweise in Schluchten verlaufenden Gebirgsbach, der schließlich in die Durance mündet. Das Wetter hat sich mittlerweile gebessert und es scheint, wie gewohnt um die diese Jahreszeit, die Sonne. Neben unserer Gruppe sind noch zwei weitere Gruppen des BKV auf dem Bach. Flotte Schwallstrecken wechseln sich ab, mit steinigen Passagen und nicht allzu schwierigen Durchfahrten. Die schöne Landschaft und das  klare Wasser vervollständigen das erstklassige Wildwassererlebnis. Es ist eine Ehrensache dass die Gruppen sich an den Schlüsselstellen gegenseitig unterstützen, indem sie einander sichern. Am Ende der Etappe werden wir mit einer Passage durch eine steile, rund 5 Meter breite, einige hundert Meter lange Schlucht belohnt.

Wer abends noch nicht genug gepaddelt hat, kann auf dem See des Campingplatzes bei dem angebotenen Training seine Eskimorolle unter Aufsicht perfektionieren. Die anderen, die sich lieber für den folgenden Tag schonen möchten, können sich bei einer Flachwasserrodeo-Aufführung des DM-Teilnehmers Helmut Wolff und seinen Mitstreitern am Ufer des Sees entspannen.

Wie jeden Abend treffen sich auch heute die einzelnen Gruppen und ihre Übungsleiter und besprechen welchen Abschnitt auf welchem Fluss sie am folgenden Tag befahren werden. Wir haben uns für den dritten Tag haben zwei Etappen auf der Guisanne vorgenommen. Die Guisanne ist ein Gletscherbach dessen Wasserstand je nach Wetter stark schwanken kann. Sie präsentiert sich mir als ein leichter Gebirgsbach mit einem Anspruch von WW 2-3. Leider ist der Wasserstand nicht so hoch wie wir erwartet hatten, sodass wir die 3-4er Etappe am Nachmittag streichen müssen. Dies ist zwar schade, aber ich merke doch, dass ich etwas aus dem Training bin und spüre die Anstrengungen der vergangenen Tage.


Für den Abend haben sich die Organisatoren etwas Besonderes ausgedacht. Eine Beamer-Präsentation mit den Eindrücken der vergangenen Tage. Aus über 3000 Bildern, die von den Teilnehmern fotografiert und eingereicht wurden, hat unser Trainer, Felix Hunzinger, eine Präsentation mit 600 Fotos zusammengestellt. Das ergibt eine Vorführung, die sich kaum Einer entgehen lässt. Für mich, der ich das erste Mal in diesem Gebiet paddle, ist dies besonders reizvoll, da ich dadurch Eindrücke der anderen Flüsse und Abschnitte bekomme.

Tag Vier: offiziell ist heute Ruhetag. Doch Ruhe ist nicht gleich Ruhe. Während die einen Teilnehmer die matten Glieder in der Hängematte ausruhen, gehen andere Unermüdliche selbst organisiert auf den Bach. Wieder Andere wandern auf die nahe gelegenen Gletscher, den Glacier Noir und den Glacier Blanc. Für Diejenigen, die direkt vom Campingplatz starten möchten, bietet sich eine Wanderung zur Festung auf dem Mont-Dauphin an, dem Hochplateau. Andere gehen einfach nur am Fuß der Berge die Murmeltiere füttern.

Ich mache mich mit einigen Gleichgesinnten zum Klettersteig in der Burggrabenschlucht des Guil auf. Die nötige Sicherheitsausrüstung kann man am Eingang zur Schlucht mieten. Mit seinen einzementierten Griffen und Tritten sowie einem durchlaufenden Sicherungsseil ist dieser Klettersteig für nahezu Jedermann zu meistern. Vom Steig aus haben wir einen herrlichen Ausblick in die Schlucht und auf den Fluss. Über mehrere 100m zwängt sich das Wasser durch die enge Felsenklamm und bietet einem Kanuten kaum größere Ruhepausen. Während wir klettern, durchfährt eine Gruppe Paddler die Schlucht. Eindrucksvoll demonstrieren sie die man in einem der wenigen Kehrwasser gekenterte Boote leeren und die Schwimmer wieder ins Boot zurückbekommen kann.

 

Es ist Donnerstag, heute paddeln wir auf dem Guil, demselben Fluss, den wir gestern zu Fuß erkundet hatten. Allerdings fahren wir ein wenig unterhalb der  Schlucht. Dieses Teilstück ist für mich das bis dahin schönste Stück Wildwasser, das ich in Südfrankreich gefahren bin. Zahlreiche kleine Stufen, enge Durchfahrten, Schwallstrecken und das kombiniert mit dem klaren Wasser eines Gebirgsbaches bietet Wildwasserspaß vom Feinsten. Mit einigen Stellen, die wir in Augenschein nehmen, bevor wir sie befahren und einigen Stellen, an denen wir sichern, benötigen wir mehrere Stunden das nur 3 km lange Stück, ohne dass es langweilig wird.

 

Freitag, der sechste Tag der Wildwasserwoche. Erneut sind wir auf der Guisanne unterwegs. Diesmal jedoch auf der Waldschlucht. Der Wasserstand ist moderat, der Bach ist aber bei diesem Stand befahrbar und flussabwärts wird es zunehmend besser. Der Name Waldschlucht beschreibt die Strecke bereits. Im Gegensatz zu den felsigen Schluchten des Guil verläuft die Guisanne hier teilweise durch ein enges bewaldetes Tal. Über größere Strecken ist dieser Abschnitt der Guisanne nicht zu anspruchsvoll, aber immer wieder kommen kleine Stufen und Katarakte die für Abwechselung sorgen. Eine Kombination aus zwei schmalen Durchfahrten und zwei Stufen zwingt uns dennoch aus dem Boot um die beste Route zu erkunden. Mittlerweile haben alle Teilnehmer unserer Gruppe an Sicherheit und Selbstvertrauen gewonnen, sodass jeder seine eigene Ideallinie fährt. Da ich als letzter fahre wähle ich die mir am elegantesten scheinende Durchfahrt. Anfangs heizt uns die Sonne noch tüchtig ein und es ist angenehm dass wir im kühlen Schatten paddeln. Als sich später der Himmel verfinstert und der Regen auf uns einprasselt wird es rasch kühler und ich bin dankbar als Felix unser Trainer das Tempo erhöht und wir die restliche Strecke schwungvoll bewältigen.

Für den Abend haben unsere Veranstalter ein Kanupoloturnier vorbereitet. Gespielt wird auf dem See des Campingplatzes, in Wildwasserbooten. Als Tore dienen zwei über dem Wasser aufgehängte Liegen. Als kleines Handikap und um das Verletzungsrisiko zu reduzieren, spielen wir ohne Paddel. Nach zweistündigem Turnier im K.O.-System haben sich die Vorjahressieger, die Übungsleiter, auf den ersten Platz durchgekämpft.

Kaum zu glauben dass wir bereits eine Woche hier sind. Bei der Abschlussbesprechung am Samstagmorgen resümiert der Organisator, Christoph Straub positiv. Auch von den Teilnehmern höre ich nur zufriedene Stimmen. Selbst Jean-Luc, der Betreiber des Campingplatzes hat sich lobend über die Disziplin der BKV-Gruppe geäußert.

Um die einwöchige Veranstaltung abzurunden wird nun mit allen Teilnehmern eine gemeinsame Fahrt auf der Durance durchgeführt. Es ist schon beeindruckend als sich rund einhundert Kanuten am Fluss versammeln und dann gruppenweise die Fahrt beginnen. Es geht vom Campingplatz hinunter an die alte Slalomstrecke. Auf der Slalomstrecke können alle die Gelegenheit nutzen um mit ihren Booten in den Wellen und Walzen zu surfen und Rodeo Tricks auszuprobieren. Die Trainer übernehmen die Sicherung und sammeln Mensch und Material unterhalb der Strecke ein. Als nach drei Stunden auch die hartgesottensten Paddler ihre Boote aufs Autodach packen ist die Wildwasserwoche 2009 offiziell zu Ende.

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Trainern, Organisatoren und Mitwirkenden bedanken. Ein besonderer Dank gebührt Sonja und Christoph Straub, die die Wildwasserwoche seit Jahren mit viel Engagement in ihrer Freizeit für den BKV organisieren und durchführen.

Damit die Teilnehmer ein Jahr bis zur Wildwasserwoche 2010 nicht nur in schönen Erinnerungen schwelgen müssen, sondern auch mit allen anderen Teilnehmern ohne viel Aufwand digitale Fotos tauschen können, hat die Firma Amarin, wie schon im Vorjahr die Bildertauschplattform www.alle-unter-einen-hut.de zur Verfügung gestellt.

In diesem Sinne freue ich mich schon auf ein Wiedersehen mit vielen Bekannten und hoffentlich auch vielen neuen Gesichtern im Jahre 2010.

Von Thorsten Böhnke (Badischer Kanu-Verband)

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